Eine Buchempfehlung von Chris Kreis
Das aktuelle Buch der amerikanischen Schriftstellerin ist derzeit die Nr.1 der Bestseller-Liste, es gab viele Rezensionen, eine Lesung auf der Lit Cologne – viele werden es schon kennen. Siri ist ein Star in der Literaturszene, längst nicht mehr „die Frau von Paul Auster“, wie es am Anfang ihrer Beziehung, vor über 40 Jahren, noch war. Nun ist er vor genau zwei Jahren gestorben und sie hat ein Buch darüber geschrieben. Ja, auch über sein Sterben. Aber es ist kein Buch, das am Ende traurig macht ( zwischendurch schon), es ist ein wunderbares, hochinteressantes, politisches Buch. Typisch Siri.
Ihre lange, inspirierende, lebendige Beziehung zieht in Rückblicken vorbei, es wird immer vorstellbarer wie groß der Verlust ist. Mich faszinierte die Beschreibung, was Trauer in ihr, in ihrem Körper auslöste: Siri hat „hypnagoge Halluzinationen“, sie hört Geräusche, die nur von Paul stammen können wie das Klappern beim Anschlag seiner alten mechanischen Schreibmaschine, sie wird wach, weil sie Zigarillorauch riecht. Sie spürt seine Anwesenheit im Raum mit allen Sinnen: „Erinnern, vergessen, erfinden, träumen, halluzinieren- wissen wir immer, wo das eine beginnt und das andere endet?“
Hustvedt hatte schon immer großes Interesse an neurobiologischen Vorgängen, und so studiert sie Fachliteratur zu den körperlichen Wahrnehmungen, die sie erfährt. Diesem Aspekt gibt sie viel Raum im Buch. Die Verschränkung der Trauersymptome mit ihren Gefühlen, die ihr Bewusstsein in der intensivsten Phase der Trauer bestimmen, belassen den Tenor des Buches immer eher im Wissenschaftlichen als im Spirituellen, wie der Buchtitel vielleicht vermuten lässt. Paul wollte ein Geist sein nach seinem Tod, und seine Präsenz beunruhigt Siri nicht, im Gegenteil. Tod und Trauerverhalten entwickeln ihrer Meinung nach eine „fortdauernde Bindung„, deren Qualität sich im Lauf der Zeit verändert. Aber die Trauer bleibt: „Du musst nicht darüber hinwegkommen“ Die „5 Phasen der Trauer“ nach Kübler- Ross existieren für sie nicht in der Form.
Im letzten Teil des Buches schildert Hustvedt, wie sich ihr Eigenleben verändert, sie Perspektiven und Pläne entwickelt . Eine klare Einschätzung zur politischen Situation der USA mit dem jetzigen Präsidenten und die Frage: „Werde ich auf die andere Seite des Atlantiks wechseln müssen?“
Das Buch hat mich berührt, intellektuell gefordert und in viele Richtungen gedanklich beschäftigt. Bisher meine persönliche Nr.1 in diesem Frühjahr.
Text und Bild: Chris Kreis



