GRÜNE UNNA

Anrührende Spurensuche im Stadtarchiv: Ruth Lindenbaums Schicksal – Chance für Unnas Erinnerungskultur

Zwei Dutzend engagiert Interessierte verfolgten Donnerstag Jürgen Düsbergs Vortrag zu Spuren und offenen Fragen im Schicksal der jüdischen Familie Lindenbaum, die in der Massenerstraße 3 (heute Foto Nawrath) ein Textilgeschäft betrieb. Im Oktober 1938 wurden Lindenbaums im Rahmen der „Polenaktion“ aus Unna mit einem Gepäckstück und 10 Reichsmark an die polnische Grenze  verschleppt.

Polen verweigert Einreise. Flüchtlingslager in Industrieruine. Die Söhne Manfred und Siegfried wurden drei Tage vor Naziangriff auf Polen nach England gerettet.  Für Tochter Ruth war kein Platz auf dem Schiff. Sie und Restfamilie schlugen sich nach Grodno im russisch besetzten Ostpolen durch. Von dort gibt es Briefzeugnisse zu Söhnen und Familienangehörigen in Palästina. Nach dem deutschen Angriff auf Russland wurden Lindenbaums mit 25.000 anderen Juden in Ghettos gepfercht.  Die Ghetto-Bewohner wurden  bis Ende 1943 in die Vernichtungslager Auschwitz oder Treblinka deportiert. Es bleibt bis heute ungeklärt, wo und wie Otto, Frieda und Ruth Lindenbaum starben.

Das Gerücht, dass Ruth Lindenbaum 1949 mit Kind in Unna von Mitschülerin und Bekannter gesehen worden war, führte Manfred Lindenbaum 1993 trotz alledem in seine Geburtsstadt. Seine Hoffnung wurde enttäuscht. Er veranlasste daraufhin Ruths Namen auf dem Gedenkstein für die jüdischen Ermordeten am jüdischen Friedhof nachzutragen.

Ruth Lindenbaum war die letzte jüdische Schülerin des Unnaer Lyceums gewesen. Trotz sehr guter Zeugnisse, verließ sie die Schule, recht sicher wegen „Nazi-Mobbing“ von Mitschülerinnen und Lehrern. Ob sich deshalb die Mitschülerin sich nicht traute die vermeintliche Ruth anzusprechen oder ob es Schuldprojektionen waren, wird ein Rätsel bleiben. Erfreulich war, dass Margarete Strathoff, die die an das Gerücht im Schulausschuss erinnert hatte, der Benennung des Schulvorplatzes in Ruth-Lindenbaum-Platz zustimmte.

Die sehr ruhige und sehr emotionale Gesprächsrunde drehte sich um angemessene Erinnerungskultur für Unna. Auch wenn Jürgen Düsberg ausführte, dass Ruth Lindenbaums Geburtshaus deutlich näher am Hertinger Tor lag als das neue Bildungszentrum, waren alle Anwesenden begeistert als Konrektorin Anke Wirtz berichtete, dass das Kollegium der neuen Schule sich sehr engagiert um ein altersgerechtes Erinnern an Ruth Lindenbaum bemühen will.

Konsens bestand auch in der Runde, dass mit Claudia Keuchels Versöhnungsvorschlag, der Ruth-Lindenbaum-Platz-Benennung sich die Gedanken wieder zur Belebung der Erinnerungskultur wenden sollten. Warum Schulen in Unna nicht nach Menschen benannt werden sollen, bleibt da ein Thema.  Die Verdrängungen der Täter und Mittäter*innen, auch ihrer Kinder und Schüler*innen  wie in den Geschichtsbeschreibungen Willi Timms ein weiteres.

Und in der Runde wurde immer wieder Dank an Manfred Lindenbaum geäußert. Dass ein aus Unna Vertriebener, mit vernichteter Famliengeschichte mit Trauma der verschollenen Schwester, seine Enkel nach Unna radeln ließ, im Weißen Haus und an der polnischen und mexikanischen Grenze für Familiennachzug eintrat und am Abend vor der Veranstaltung bei Jürgen Düsberg und Sabine Krämer neugierig anrief, ist ein Hoffnungszeichen in hoffnungsarmen Zeiten.

Trefflich ist, dass Sabine Krämers Beitrag zur Familie Lindenbaum in der Sammlung „Jüdisches Leben in Unna“ am Gesprächsabend ins Netz gestellt werden konnte. Er beginnt mit dem Zitat des heute 93jährigen: „Ich bin heute hier, weil mir in meinen dunkelsten Momenten Menschen die Hand gereicht haben. (…) Genau wie meine Erfahrung vor 79 Jahren: Wenn wir uns abwenden, wird alles nur noch schlimmer. Wenn wir unsere Arme öffnen und die Flüchtlinge willkommen heißen, werden wir eine bessere Welt haben.“

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