GRÜNE UNNA

Spurensuche: Ruth Lindenbaum

Datum

Juli 17 2025
Abgelaufen!

Uhrzeit

19:00 - 20:30

In die etwas hilflos verfahrene Verfahrendebatte um den Namen des neuen Schulzentrums hatte Jürgen Düsberg nach dem Einsendeschluß einen Vorschlag eingebracht, der immer größeres Interesse findet. Ruth Lindenbaums Geschichte rührt Herzen und Hirne an. Dass sich der heute 93jährige Manfred Lindenbaum auf der Suche nach seiner verschollenen Schwester nach Unna aufmachte, dass er mit Enkelschar aus den USA eine Radtour zu den Schauplätzen der Vernichtung seiner Familie aufmachte und in seine Geburtsstadt, dass über seine Erzählungen die erste Judendeportation der „Ostjuden“ aus Unna in Unna bekannt wurde, dass über ihn der Name Unna im Weißen Haus fiel… wird Jürgen Düsberg am Abend erzählen. Hier sein Antrag an der Rat:

„Bürgeranregung zur Benennung der neuen Grundschule

Sehr geehrter Bürgermeister Dirk Wigant,

ich bitte Sie, folgende Bürgeranregung Schulausschuss und Rat der Kreisstadt Unna zur Abstimmung vorzulegen:

Des neue Grundschulzentrum sollte nach Ruth-Lindenbaum benannt werden

Begründung

Als langjährig in der Unnaer Erinnerungskultur engagierter Bürger bin ich enttäuscht über die Namensvorschläge für Unnas neue Grundschule. Wie eine Studie der Gießener Universität jüngst belegt, können Schulnamen Bildungswege positiv beeinflussen. Der Geschwister-Scholl-Tag am Geschwister-Scholl-Gymnasium ist ein Beispiel dafür. Unnas Erinnerungskultur bezieht erfreulich Schulen ein. Unser Arbeitskreis-Spurensuche durfte die beeindruckende von Schülerinnen und Schülern gestaltete Rathaus-Feierstunde zur 80jährigen Befreiung Deutschland unterstützen.

Der Name Ruth Lindenbaum könnte ein weiteres Zeichen für diesen Bildungsweg setzen. Ihr Name wurde auf dem Gedenkstein am jüdischen Friedhof nachgetragen – auf Initiative ihres Bruders Manfred Lindenbaum, der 1993 erstmals seine Geburtsstadt besuchte, um nach Spuren seiner älteren Schwester Ruth zu suchen. Er fand keine. Aber er fand Kontakte zu Menschen im „neuen Unna“ und setzte eigene Zeichen der Erinnerungskultur.

Die Eltern, Frieda und Otto Lindenbaum, waren beide in Galizien geboren, hatten sich in Unna kennengelernt, geheiratet und drei Kinder bekommen. Otto Lindenbaum betrieb seit 1923 in der Massener Straße 3 ein Geschäft für Herrenberufskleidung. Im Rahmen der „Polenaktion“ wurde die gesamte Familie schon 1938 in ein Lager an der polnischen Grenze deportiert. Kurz vor dem Naziangriff auf Polen ließen die Eltern Lindenbaum ihre beiden Söhne über eine britische Hilfsorganisation nach England verschicken. Zur Trennung von ihrer 14jährigen Tochter Ruth konnten sie sich nicht entschließen. „Sie schubste mich aufs Schiff”, erinnert sich der damals 6jährige Manfred Lindenbaum. Die Brüder fühlten sich alleingelassen – und sie sahen sie nie wieder. „Aber Ruth ist mein ganzes Leben bei mir.”

Eltern und Ruth gelang die Flucht ins Ghetto von Grotno/UdSSR. Ruth lernte auf der Ghetto-Schule russisch und englisch. Nach der Besetzung des Ghettos verliert sich jede Spur von Ruth. Eine letzte Karte des Vaters erhielt Siefried Lindenbaum im Frühjahr 1941 aus dem KZ Majdanek. Auch deren Ende ist unbekannt. Die Brüder gelangten zu Verwandten in den USA und machten dort Karrieren. Bei der Suche nach Spuren seiner großen Schwester bildeten sich neue bewegende Kontakte in die Geburtsstadt mit Spurensuchern, mit der jüdischen Gemeinde und Bürgern. Und aus dieser Erinnerungsachse entstand die „Lindenbaum-Odyssey“. Manfred Lindenbaum besuchte mit 17 Famlienmitgliedern unterschiedliche Verfolgungs- und Vernichtungsstätten in Polen und die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin und radelte dann mit der Familienschar in sechs Tagesetappen von Berlin nach Unna. Mit sechs Enkeln setzte sich Manfred Lindenbaum rund um die Stolpersteine vor seinem Elternhaus in der Massener Straße 3.

Der heute 93jährige ist ein lebendiger Erzähler. So erzählte er in einem unserer Telefonate, dass er als Chanukka-Leuchter-Entzünder von Präsident Obama ins Weiße Haus geladen worden sei. Obama fragte ihn dabei „Are you bike here?“ Wohl der einzige Unnaer in diesem Haus und der Präsident wusste von der Radgeschichte Buchenwald-Unna.

Das Opfer mit einer vernichteten Familiengeschichte als Brückenbauer aus seiner neuen Welt in die alte Heimat. Angetrieben vom verschollenen Schicksal seiner Schwester. Die ging übrigens in die Evangelische Nordring-Volksschule, aus der dann die Nocolai-Schule wurde, die jetzt im neuen Schulstandort aufgeht. Ruth war auch die letzte jüdische Schülerin des Unnaer Lyceums. Ihr kleiner Bruderschubs war ein Anstoß ins Überleben… Man könnte die Schule auch Manfred-Lindenbaum-Schule nennen. Doch sein Antrieb war das verlorene Leben und die verborgene Lebensgeschichte seiner großen Schwester. Das Leben einer fast Vergessenen, in Unna, aus Unna vertrieben, aus Deutschland verjagt, von Deutschen gejagt und wahrscheinlich ermordet, ist Bildungschance für Schülergenerationen, für die ganze Schulgemeinde und für unsere Stadt.

Teile der Familiengeschichte Lindenbaums wurden im Rahmen der Stolpersteinverlegungen veröffentlicht. Ich habe einen Ordner mit Zeugnissen und Fotos von Ruth Lindenbaum und ihrer Familie, mündlichen Erzählungen von ihrem Bruder und Bilder. In Unnas Archiv sind weitere Spuren zu finden. Der rüstige Bruder würde sicher gern bei einer Einweihung dabei sein, zumindest virtuell. Er kann viele Fragen beantworten, die noch nicht gestellt wurden. Zum Beispiel die, ob der Name Lindenbaum auch etwas mit der Lindenstadt Unna zu tun hat. Das sind auch alles Themen, die den künftigen Unterricht bewegen könnten.

Die Giessener Schulnamensstudie stellt übrigens auch ein deutliches Defizit an Frauennamen fest. Und gibt zu bedenken, dass „Namen von Schulen benennen im Leben der Schüler:innen zentrale Institutionen und werden von ihnen als wichtig wahrgenommen“ (Böhnert/Ewald 2022). Sie haben dabei nicht nur eine Individualisierungsfunktion, sondern dienen auch der Selbstidentifikation (Fuchshuber-Weiß 1999). Schulname als Programm, mit dem sich Schüler/-innen identifizieren. Schulnamen als „Fenster zur Geschichte“.

Für weitere Forschung schließt die Studie mit der Anschlußfrage:  Wie gestalten sich die lokalen Erinnerungsspuren in Schulnamen im Detail? Eine Schulbenennung nach Ruth Lindenbaum würde unsere Stadt hier zum interessanten Forschungsort machen.“

Mit freundlichem Gruß Jürgen Düsberg“

Claudia Keuchel machte nach der Weigerung der Jury, das Verfahren neu zu öffnen, den Vorschlag, den Platz vor der Schule Ruth-Lindenbaum-Platz zu benennen. Das ist ein versönlicher Schritt. Warum die Schule aber „Am Hertinger Tor“ heißen soll, stößt bei vielen Mitdenkenden auf Unverständnis, stand das Hertinger Tor doch weit weg im Innenring. Auch der Jury-Beschluß, die Schule nicht nach Menschen zu benennen, passt eigentlich in die heutige Zeit. Eine frische Studie der Gießener Uni und des KinderKanals empfielt das Gegenteil: www.uni-giessen.de/de/ueber-uns/pressestelle/studie-schulnamen

Wer „Manfred Lindenbaum USA“ googelt, erfährt mehr über Schicksal und Auftrag des bedeutenden aus Unna deportierten Menschen: https://momentmag.com/wisdom-project-manny-lindenbaum-on-the-joy-of-making-a-difference/

Die Veranstaltung ist beendet.

Spurensuche: Ruth Lindenbaum

Uhrzeit

19:00 - 20:30

Standort

Lesesaal des Stadtarchivs

Veranstalter

Arbeitskreis Spurensuche

Weitere Termine