Buchrezension: Unfollow von Lukas Jüliger – geschrieben von Michael Sacher

Ja, wir sind doch alle für Umweltschutz … irgendwie.

Aber ja, die Fakten liegen alle auf dem Tisch … wir müssten nur anfangen etwas zu tun.

Soweit die Ausgangslage.

In dem Comic UNFOLLOW von Lukas Jüliger gibt es einen Jungen, der mit Hilfe des Internets eine neue, nachhaltige Lebensweise propagiert. Er heißt earthboi und seine Follower folgen ihm bis in ein groß angelegtes Zentrum ERDE, wo dieses Leben gelehrt und gelernt wird. Das ist ein etwas schlichter und dadurch auch falscher Versuch das Buch zusammenzufassen – auch wenn es natürlich auf eine rudimentäre Art zutreffend ist.

Earthboi ist kein normaler Junge; er ist so alt wie die Erde – oder zumindest wie das Kambrium – und erinnert alles Leben in seinem Zusammenhang, den er immer wieder im Geruch der Verwesung erkennt. Er ist wie ein mythisches Wesen, wie ein Messias, der nicht von dieser Welt, aber für diese Welt ist.

Um die Botschaft von dem Eins-Sein mit der Welt zu verkünden, benötigt und benutzt earthboi die digitalen Medien und bekommt dabei Hilfe von der japanischen Influencerin Yu (Yu_ _tube); gemeinsam als Paar versuchen sie die Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung des Lebens in der Öffentlichkeit zu nutzen um ein nachhaltiges und erfülltes Sein zu propagieren.

So lässt das Buch von Lukas Jüliger überraschend und erfreulich viele Lesarten zu, provoziert sie geradezu, versucht gerade eine offene Erzählung zu sein und nicht einfach die alles entscheidende Wahrheit zu formulieren.

Ein Faszinierendes an dem Comic ist zudem, dass die Geschichte schon zweigleisig erzählt wird. Das heißt Schrift und Bild bewegen sich nebeneinander, ergänzen, kommentieren sich, schaffen jeweils eine eigene Atmosphäre, die sich im Gegenüber spiegelt, erst zusammen ein Ganzes ergeben. Keine Sprechblasen, die den Personen zugeordnet wären, sondern so etwas wie ein Fließtext zwischen den Bildern.

Die Bilder leben durch ihre unterkühlte Fantasie, in einem blassen Rot und Blau gehalten und der Text enthält eine besondere Falltür, die beim Lesen immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss. Am Anfang der Geschichte taucht der Junge earthboi wie aus dem nichts auf und wächst in einem Kinderheim auf. Dort gewinnt er unter den Kindern seine ersten Follower, die ihm glauben und an ihn glauben und letztlich sind sie es, die die ganze Geschichte erzählen. Diese Erzählhaltung ist ein fantastisches Element, um die Leser*innen stets achtsam zu halten. Zudem gibt es gewisse Ähnlichkeiten zu einem anderen bekannten Buch, in dem es auch um Erlösung und das Erkennen des wahren Lebens geht … -: aber das würde jetzt zu weit führen.

UNFOLLOW ist ein Debattenbeitrag, der nicht eindeutig Stellung bezieht, sondern die unterschiedlichsten Aspekte, Sichtweisen zu einer virtuosen Fahrt durch unsere nahe Zukunft macht, Vorschläge unterbreitet, aber den Leser*innen viel mehr Spielräume, Deutungen lässt, als er ausschließen würde. Ein Text, der die Verflochtenheit von allem nicht einfach auflösen, sondern durch eine anregende Lektüre nutzen möchte.

Aber wie sollten wir auch von einem Buch erwarten uns den Weg zu weisen, ein Buch zu sein, dem wir folgen sollten, wenn es selbst UNFOLLOW heißt?

Glaubt also kein Wort und lest selbst.

Übrigens gibt es noch zwei weitere großartige Comics von Lukas Jüliger – VAKUUM und BERENICE.

 

Lukas Jüliger: Unfollow

Reprodukt Verlag, 18 €

Kauft vor Ort in unabhängigen Buchhandlungen!

 

Ein sehr schönes Interview mit Lukas Jüliger im Tagesspiegel, das aber sehr viel von der Handlung vorweg nimmt und besser zur nachbereitenden Lektüre zu empfehlen ist:

https://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/im-zwiespalt-gegen-die-klimakatastrophe-haette-ich-die-macht-wuerde-ich-den-knopf-druecken/25969948.html

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